Der Mythos Fachkräftemangel: Warum ich das als qualifizierte Mutter nicht glauben kann

Liebe Arbeitgeber, haben wir tatsächlich einen Fachkräftemangel in Deutschland? Überall liest man, dass es Unternehmen schwer haben, qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen. Ist es wirklich so? Irgendwie fällt es mir schwer, das zu glauben.

Ich bin 39, habe zwei Kinder und befinde mich momentan noch in Elternzeit. Da die Jobs rar sind und die Zeit zwar noch vorhanden, aber nicht unendlich ist, habe ich mich voller Elan auf Jobsuche begeben. Zu meinem alten Arbeitgeber kann ich auf Grund unseres Umzugs nicht mehr – schade, denn dort stand Teilzeit an der Tagesordnung. Und es hat wunderbar funktioniert. Ich bin von Hamburg nach München gezogen und habe dort in Vollzeit als Marketing Referentin bei einem großen bekannten Unternehmen begonnen und nach der Geburt meiner Kinder auf Teilzeit heruntergeschraubt. Meinen Job konnte ich dennoch ohne merkbare Einschnitte weitermachen. Mein Team hat meine verkürzte Arbeitszeit nicht belastet. Nur mich hat es manchmal belastet, pünktlich Schluss zu machen, aber damit musste ich selbst lernen, zurechtzukommen.

Ich habe zwei Berufe: Mutter UND Marketing Referentin

Ich bin ein neugieriger, begeisterungsfähiger Mensch. Ich habe zwei aufeinander aufbauende Studiengänge im Ausland hinter mir. Beide mit Auszeichnung bestanden. Ich verfüge über mehr als 10 Jahre Berufserfahrung und habe eine Zeit im Ausland mit meiner Familie gelebt. Ich bin ein kommunikativer, kreativer und positiver Mensch. Ich habe zwei wunderbare, gesunde Kinder. Und ich habe Lust, Gelerntes anzuwenden und Neues zu lernen.

Die Haben-Seite scheint also in Ordnung. Damit lässt sich doch etwas anstellen? Doch sobald ich in Jobportalen „Teilzeit“ angebe, schwindet die Euphorie. Werkstudent, Studentische Aushilfe, Praktikant … Also gut, denke ich mir, klicke eben „mit Berufserfahrung“ an. Schon ist nur noch ein winziger Bruchteil der Angebote vorhanden. Aus Werkstudent wird nun Assistenz. Die Aufgaben sind fast identisch mit denen eines Werkstudenten, oft liegen die Anforderungen sogar darunter.

Nun habe ich also die Qual der Wahl – für immer Werkstudent bleiben, um arbeiten zu dürfen? Oder Vollzeit zu arbeiten und meine Kinder dem Hort und dem Kindergarten überlassen? Tatsache ist: Ich habe zwei Berufe. Ich bin Mutter UND Marketing Referentin. Das eine sollte das andere nicht ausschließen. Tut es aber.

Mütter bringen oft genau die Qualifikationen, die gesucht werden

Liebe Arbeitgeber, wann erkennt Ihr, wie wertvoll Mütter als Arbeitnehmer sind? Wir sind qualifizierte Fachkräfte, die Euch so dringend fehlen. Wir sind nicht besser als kinderlose Arbeitnehmer – aber genauso gut. Wir bringen oft genau die Qualifikationen mit, die Ihr sucht. Und wir schaffen es, beiden Jobs parallel gerecht zu werden.  Zumindest meistens, aber das hat mit Mutter sein nicht zu tun, sondern viel mehr mit Mensch sein.

Weniger Zeit bedeutet nicht weniger Können

Natürlich schraubt man die Erwartungen herunter – man schraubt ja auch bewusst die Zeit herunter, die man investieren kann oder möchte. Aber die Fähigkeiten schrauben man nicht herunter. Wenig Zeit  ist nicht gleichzusetzen mit wenig Können, wenig Hirn oder wenig Lust. Im Gegenteil. Es ist die Herausforderung, die wenige Zeit, die einem zur Verfügung steht, optimal zu nutzen.

Mehr Flexibilität bei der Gestaltung von Arbeitszeitmodellen

Sind wir doch mal ehrlich. Wie effektiv ist das Arbeitszeitmodell oder Präsenzzeit der 40h/Woche überhaupt noch? Wir sind im Jahr 2017 angekommen. Ihr wünscht Euch Mitarbeiter, die flexibel sind? Ja, das würden wir uns auch von Euch wünschen. Flexibel sein in der Gestaltung von Arbeitszeitmodellen.

Wenn nur ein paar Firmen umdenken würden. Vor allem die, die sich als innovativ, vorwärtsdenkend und/oder zukunftsorientiert beschreiben. Und das sind so ziemlich alle Firmen, die in den Jobportalen nach geeigneten Mitarbeitern suchen. Ich werde weiterhin nach einem geeigneten – wirklich geeigneten – Job für mich suchen. Die Erwartungen kann (und muss?) ich herunterschrauben. Meine Freude am Arbeiten, meine Neugier, meine Erfahrung und mein Optimismus bleiben.

Haben wir nun tatsächlich einen Fachkräftemangel?

Was würde bei den Arbeitgebern passieren, wenn sie sich offener und flexibler zeigen würden gegenüber neuen Arbeitszeitmodellen? Was wäre dadurch möglich, wenn sie sich auf einmal als familienfreundlicher Arbeitgeber positionieren?

Liebe Arbeitgeber, bitte nutzt dieses Potenzial was wir Euch bieten.

 

Aline, 39 Jahre ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach ihrem Abschluss MA Public Communications & Public Relations, den sie an der University of Westminster in London mit Auszeichnung absolvierte, hat sie einige Jahre in London gelebt und gearbeitet. Zum Schluss war sie als Marketing Referentin in Hamburg tätig und ist nun auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung an ihrem neuen Wohnort in München.

 

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1 Comment
  • Reply
    Linkliebe im Februar • Mamatized
    1. März 2017 at 12:01

    […] saustarker, politischer Text, der mir direkt aus der Seele spricht ist „Der Mythos Fachkräftemangel“ von Mamahelden. Wenn du diesen Text liest, wirst du zum einen stinkesauer auf die Unternehmen sein […]

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